Stellt Euch vor, es ist Sonntagabend. Ihr habt einen tollen Tag verbracht und freut Euch nun darauf, das Wochenende mit einer Serie oder einem Film entspannt ausklingen zu lassen. Die Chips stehen bereits, das Bier ist kalt – es kann losgehen!

Weil Ihr aber nicht recht wisst, worauf Ihr Lust habt, klickt Ihr Euch durch das Angebot Eures Streaminganbieters. Nach kurzer Suche werdet Ihr fündig: Wow, die Serie oder der Film klingen wirklich toll! Bevor es losgeht, schaut Ihr kurz noch in die Bewertungen hinein – und schon hat die Euphorie einen Dämpfer bekommen: Die von Euch ausgewählte Serie bzw. der gewählte Film wurde von anderen Nutzern nur durchschnittlich bewertet.

In diesem Beitrag gehe ich der Frage nach, warum wir Bewertungen einen so großen Stellenwert einräumen und erkläre, warum ich aufgehört habe, mich im Bereich Filme und Serien von der Meinung anonymer Anderer leiten zu lassen.

Der Unterschied zwischen „Beurteilen“ und „Bewerten“

Bevor ich darauf eingehe, warum Bewertungen für mich an Relevanz verloren haben, lasst uns einen allgemeinen Blick auf den Prozess des Bewertens werfen. Kaum ein anderer dominiert das menschliche Leben wie dieser. Jede Situation, in der wir uns wiederfinden, fordert von uns Entscheidungen. Diese können wir objektiv fällen, indem wir die Situation sachlich beurteilen und daraus Konsequenzen ziehen: „Oh, es regnet draußen. Ich nehme einen Schirm mit!“. Messbare Tatsachen (Regen) führen zu Konsequenzen im Handeln (Schirm mitnehmen). Im nächsten Schritt folgt die Bewertung der Situation: „Oh es regnet. Das ist schade, weil ich heute zur Gartenparty eingeladen bin. Aber es ist gut für die Blumen auf meinem Balkon.“ Hier werden die (individuellen) Vor- und Nachteile der Situation in ein Werturteil überführt.

Die Abgrenzung zwischen „Beurteilung“ und „Bewertung“ ist nicht immer eindeutig, jedoch kommt erstere sachlicher daher und liefert konkrete bzw. objektiv messbare Kriterien. Letztere erfolgt von einem persönlicheren Standpunkt aus und gibt eine Meinung bzw. Einstellung zu einem Thema wieder. Es ist daher möglich, jede erdenkliche Situation und auch jedes Produkt sowohl sachlich zu beurteilen als es auch persönlich zu bewerten.

Warum es so schwierig ist, Filme oder Serien objektiv zu beurteilen

Die sachliche Beurteilung eines Films oder einer Serie ist ein schwieriges Unterfangen. Kriterien wie multiple Handlungsstränge, umfangreiche Charakterstudien oder komplexe Erzählweisen können dafür herangezogen werden, aber auch technische Aspekte spielen mit in eine solche Beurteilung hinein. Gerade der Bereich „Quality TV“ ist in den letzten Jahren vermehrt in das Interesse von Film- und Medienwissenschaftlern gerückt, die zu definieren versuchen, was eine hochwertige Serie von einer mit „minderer“ Qualität unterscheidet. Ich schreibe bewusst „versuchen“, weil Serien wie auch Filme letztlich Kunstprodukte sind. Ihre Bewertung ist – wie auch die literarischer, musikalischer oder kunsthandwerklicher Leistungen – meiner Meinung nach immer einer gewissen Subjektivität unterworfen. Denn auch die Auswahl der Kriterien, die in eine vermeintlich objektive Beurteilung einfließen, ist letztlich bereits ein subjektiver Akt.

Das Drei-Sterne-Phänomen

Verlassen wir aber die theoretischen Vorüberlegungen und kehren zu unserem Sonntagabenddilemma zurück. Die Gretchenfrage „Schauen oder nicht schauen?“ ist immer noch nicht geklärt. Das Bier wird langsam warm und die Chipstüte ist schon halb leer. Die mittelmäßige Bewertung unseres gewählten Films bzw. unserer gewählten Serie durch andere Nutzer hat ein Gedankenkarussell in Gang gesetzt. Während viele von uns in anderen Lebensbereichen unter dem Phänomen „FOMO“ (fear of missing out – dt. Die Angst, etwas zu verpassen) leiden, ist es mit Filmen und TV-Serien lustigerweise genau andersherum: Statt der Angst, etwas zu verpassen, regiert die Furcht davor, kostbare Lebenszeit mit etwas zu vergeuden, was womöglich von minderer Qualität ist. Ich nenne dieses Verhalten das „Drei-Sterne-Phänomen“.

Egal ob Ihr Netflix oder Amazon Prime nutzt: Der Bewertungsprozess ist auf beiden Plattformen identisch. Filme und Serien können von jedem (!) Nutzer – egal ob er oder sie die entsprechende Produktion gesehen hat – auf einer fünfstufigen Sterneskala bewertet werden, wobei ein Stern die schlechteste und fünf Sterne die beste Bewertung ist.

Über Serien oder Filme, die mit vier oder fünf Sternen beurteilt wurden, müssen wir an dieser Stelle nicht reden. Alles, was im überdurchschnittlichen Bereich liegt, wird sich kaum darauf auswirken, ob jemand sich für (oder auch gegen) eine Serie entscheidet. Ähnlich ist es mit dem deutlich unterdurchschnittlichen Bereich von einem oder zwei Sternen. Was durchweg negativ bewertet wurde, wird nicht in die engere Auswahl kommen bzw. mir als Nutzer höchstwahrscheinlich gar nicht erst vorgeschlagen.

Wusstet Ihr, dass Eure Netflixliste absteigend nach Bewertungen sortiert ist? Ich habe mich soeben durch meine geklickt und mit Staunen festgestellt, dass mir zunächst alle Fünf-Sterne-Bewertungen angezeigt wurden, danach solche mit viereinhalb, vier usw. Wohlgemerkt handelt es sich hier um Bewertungen anderer (!) Nutzer, nicht meine eigenen. Ich dachte bislang immer, die Liste wäre chronologisch nach dem Datum des Hinzufügens organisiert, aber dem ist nicht so – ein deutliches Anzeichen dafür, dass auch Netflix Bewertungen als höchst relevant einstuft.

Aber wir schweifen ab, wollten wir uns doch eigentlich dem Drei-Sterne-Phänomen widmen. Jeder, der einmal das Vergnügen hatte, sich mit Statistik oder Empirie zu beschäftigen, weiß, dass ungerade Bewertungsskalen tödlich sind, um zu einem relevanten Ergebnis zu gelangen. Sie erlauben nämlich die Wahl der goldenen Mitte und nehmen uns damit die Entscheidung ab, ob wir etwas gut oder schlecht finden. Alles, was okay, aber nicht überragend war, landet deshalb meist hier, bei Amazon oder Netflix also in der Kategorie „Drei Sterne“.

Drei Sterne sagen – mit Verlaub – überhaupt nichts aus. Wenn ich etwas mit drei Sternen bewerte, dann kann ich es auch lassen, denn niemandem wird diese Bewertung helfen. Drei Sterne rauben uns schlicht die Lust daran, einer Produktion überhaupt eine Chance zu geben, denn sie könnte ja nur durchschnittlich sein. Genau das ist der Grund, warum ich aufgehört habe, mich von Bewertungen anderer leiten zu lassen und mir auch Serien oder Filme anschaue, die nur mittelprächtig bewertet wurden. Anonyme andere Nutzer, die nicht in der Lage waren, sich ein konkretes Urteil zu bilden und deshalb die langweilige Mitte gewählt haben, lasse ich nicht über mein Sonntagabendprogramm entscheiden.

Nichts ist subjektiver als ein Erlebnis

Nun ist es so, dass ich bereits seit einigen Jahren Serienjunkie bin und deshalb über eine recht gutes Gespür verfüge, was mir gefallen wird und was nicht. Ich kenne viele Produktionen, sowohl hochwertige als auch solche, die eher in den Bereich Guilty Pleasure fallen. Ich weiß, welche Genres ich mag und welche nicht. Ich weiß, welche Serien bei anderen Bloggern oder Menschen aus meinem Umfeld, deren Meinung ist schätze, Anklang fanden und welche verrissen wurden. Und ich weiß auch, dass es 1000 Gründe dafür gibt, warum eine Serie jemand anderem nicht gefallen hat, aber bei mir offene Türen einrennen wird. Vielleicht liegt es am Thema (Zeitreisegeschichten gehen für mich zum Beispiel immer), vielleicht am Genre (Mystery und Drama sind einfach meins), vielleicht an einem/einer bestimmten Schaupieler(in) (ich liebe Christine Baranski oder David Tennant und würde mir so ziemlich alles mit den beiden anschauen) oder vielleicht auch an einem speziellen Ziel, das ich mit der Serie verfolge (etwa wenn ich mir eine beliebige spanischsprachige Produktion anschaue, einfach um der Sprache willen). Nichts ist subjektiver als ein Erlebnis, das gilt insbesondere für den Konsum und die Bewertung künstlerischer Produkte.

Fazit: Rauben uns Bewertungen die Lust am Konsum?

Bewertungen sind emotionsgeleitet und zum Großteil einem Bauchgefühl geschuldet. Filme und TV-Serien sprechen unsere Gefühle als Zuschauer an, möchten unterhalten, Spaß machen, nachdenklich stimmen oder für Spannung sorgen. Ob das gelingt, hat großen Anteil daran, wie wir das mediale Erlebnis bewerten werden. Haben wir uns gelangweilt? Daumen runter! Mussten wir uns vor Spannung ein Kissen vors Gesicht halten? Daumen rauf! War es irgendetwas dazwischen? Drei Sterne!

Dass jemand anderem diese drei Sterne kaum weiterhelfen werden, wird dabei leider vergessen. Ich plädiere darum dafür, sich bei der Wahl des nächsten Films oder der nächsten Serie nicht allzu sehr von Bewertungen anonymer (!) anderer lenken zu lassen, sondern den eigenen Vorerfahrungen sowie dem Bauchgefühl zu vertrauen. Und wenn es dann kein Meisterwerk wahr? Dann habt Ihr Euch zumindest eine eigene Meinung gebildet, ein paar Chips vernichtet, das Bier getrunken, solange es noch kalt war – und hinterher hoffentlich keine Drei-Sterne-Bewertung abgegeben…

Wie geht Ihr mit Bewertungen um? Lasst Ihr Euch von der Meinung anderer bei der Auswahl eines Films oder einer Serie beeinflussen? Und gebt Ihr selbst Bewertungen ab, nachdem Ihr etwas geschaut habt?