Eine neue Lebensphase zu beginnen ist aufregend. Es ist eine Zeit voller neuer Aufgaben, neuer Eindrücke, neuer Umgebungen, neuer Menschen, neuer Möglichkeiten und neuer Probleme. Eine Zeit voller Chaos, voller Höhen und Tiefen und – wenn dieser Phase ein Umzug vorausging – auch manchmal eine Zeit, in der einen ab und an das Heimweh und die Frage nach dem „War das die richtige Entscheidung?“ packen. Kurzum: Es ist eine anstrengende Zeit, in der sich alles erstmal sortieren muss. Die Arbeit, die Wohnung, die Beziehung, die Freizeit und und und…Und vor allem muss man sich selbst sortieren und schauen, wie man sich in der neuen Situation gleichzeitig weiterentwickeln und treu bleiben kann. All das braucht Zeit und geht nicht von heute auf morgen, vor allem nicht Letzteres.

Der Umzug ist jetzt bereits über sechs Wochen her, was ich unfassbar finde. Die Zeit ist wie im Flug vergangen, wie klischeehaft das auch klingen mag. Es hat sich ein Alltag eingespielt, der sich irgendwie nach Alltag anfühlt, aber dann auch wieder nicht. Die Vormittage in der Schule. 80 Kollegen, über 1000 Schüler, ein historisches und komplett unübersichtliches Schulgebäude, das mir nach wie vor Rätsel aufgibt. Zwei Nachmittage die Woche im Studienseminar. Mit Mitreferendaren und Fachleitern und Pädagogen und jeder Menge Organisation. Es wollen Termine für UBs und GUBs koordiniert, Fachthemen besprochen und Prüfungen vorbereitet werden. Außerdem muss immer irgendjemand noch unbedingt irgendein Problem aus der Schule besprochen und möglichst in der Gruppe gelöst wissen, weil er oder sie sonst nicht schlafen kann.

Unterrichtsvorbereitung ist ein Thema, das jeden Referendar (und jeden Lehrer) eigentlich permanent beschäftigt. Was mache ich morgen mit meinen Schülern, was nächste Woche, was nach den Ferien? Fördere ich in meinem Unterricht alle Kompetenzen, habe ich das Kerncurriculum berücksichtigt, das schulinterne Curriculum richtig umgesetzt? Kommen die Problemschüler mit? Wann schreibe ich die Arbeit? Wo muss ich den Termin dafür eintragen? Schaffe ich den Stoff bis dahin? Wie weit ist die Parallelgruppe, hänge ich hinterher? Und was zur Hölle soll ich Tolles in der Stunde machen, in der einer der Fachleiter zu Besuch kommt? Smartboard, PC-Raum, innovative Gruppenarbeit? Oder doch „nur“ Standardunterricht mit Buch und Tafel und OHP, den ja auch jeder Referendar können muss?

Effektive Unterrichtsvorbereitung ist etwas, das man sich schnell aneignet. Spätestens nachdem man mal ein ganzes Wochenende damit verbracht hat, eine einzige Doppelstunde zu planen. Inzwischen geht die Planung bei mir bereits deutlich schneller. Stoff auswählen – Material auswählen oder erstellen – Methode auswählen – Ablauf planen – fertig. Hier ist Entscheidungsfreude gefragt – man kann den Stoff schließlich meist auf tausend verschiedene Arten verpacken oder erarbeiten lassen. Wer diese bislang nicht hatte, wird sie sich als Referendar angewöhnen müssen. Im Studienseminar predigen alle Pädagogen und Fachleiter kontinuierlich, wie wichtig es für die eigene Gesundheit als Lehrer ist, sich jede Woche einen freien Tag zu gönnen. Einen Tag ohne Vorbereitung, Nachbereitung oder Korrekturen, einen Tag komplett ohne Schule. Wer sich bei der Unterrichtsvorbereitung für normale Stunden (Vorführstunden sind etwas anderes – hier wird eine Show für den Fachleiter veranstaltet, die meist akribisch geplant und geübt wurde) stundenlang mit Grübeleien zu Methode oder Sozialform aufhält, wird das niemals realisieren können.

Sie ist aufregend, die neue Lebensphase, außerdem anstrengend und herausfordernd und in letzter Konsequenz nicht vollkommen planbar. Ich habe Mitreferendare, die sich bereits Sorgen machen, ob und wo sie in 17 Monaten wohl eine Stelle bekommen werden. Das finde ich mehr als vermessen, denn bis dahin kann noch unglaublich viel passieren. Wer jetzt einen guten Start hatte, kann in drei Monaten, sechs Monaten, neun Monaten nicht mehr dabei sein. Wer etwas schwerer aus den Startlöchern gekommen ist und an sich zweifelt, mausert sich in drei Monaten, sechs Monaten, neun Monanten vielleicht zum Vorzeigereferendar. Man kann Unterricht vorbereiten, man kann ihn planen und man kann versuchen, ihn wie geplant durchzuführen. Mehr nicht. Ob er gelingt, hängt noch von unglaublich vielen weiteren Faktoren ab und ob man sich vorstellen kann, dauerhaft als Lehrer zu arbeiten, kann man bestimmt nicht nach vier Wochen beurteilen.

Ein Lehrer mit einer Vollzeitstelle unterrichtet an niedersächsischen Gymnasien 23,5 Stunden pro Woche. Das ist die reine Zeit, die er oder sie vor Schülern steht. Gehen wir von einer 40-Stunden-Woche aus, lässt das noch ganze 16,5 Stunden für Vor- und Nachbereitung (s.o.), für Dokumentation und Verwaltung, für das Erstellen und Korrigieren von Arbeiten und Klausuren, für Klassenlehreraufgaben (nicht zu unterschätzen!), Planung von Ausflügen, Exkursionen, Klassenfahrten, für Elternabende/-telefonate/-gespräche, für Dienstbesprechungen und Fachkonferenzen. Das ist ein Witz und niemals in 40 Stunden zu realisieren. Niemals. Ob man das will und auf Dauer bewältigen kann, wird man wohl erst feststellen, wenn man es mal gemacht hat. Ich habe einen Heidenrespekt vor denjenigen, die das durchziehen, und noch mehr vor denjenigen, die es durchziehen und nebenbei noch eine Familie gründen.

Denn was für viele in anderen Berufen tätige Arbeitnehmer ein Segen zu sein scheint – Mittags nach Hause! Zwölf Wochen Urlaub im Jahr! Zu Hause arbeiten! – ist gleichzeitig ein Fluch. Denn die Arbeit, sie verfolgt einen. Sie stapelt sich auf dem Schreibtisch, egal ob Wochenende oder Ferien. Wer z. B. einen Oberstufenkurs Deutsch hat, verbringt die anstehenden Herbstferien vermutlich damit, die erste Klausur zu korrigieren. Wir reden hier von mehrstündigen Klausuren, in denen motivierte Schüler ihre komplizierten Argumentationen in gerne mal 1000 Wörtern und mehr zu Papier bringen. Ich würde für die Korrektur hier mindestens eine Stunde pro Arbeit einplanen, eher mehr. Man multipliziere dies mit 25 Schülern und rechne aus, dass eine Ferienwoche nun dahin ist. So geht es dann Weihnachten weiter, denn es wollen ja zwei Klausuren geschrieben werden. Aber ein bisschen Kafka, Goethe oder Sprachtheorie unter dem Tannenbaum haben ja auch noch keinem geschadet. Die Stimmung vor den Ferien ist im Kollegium deshalb zwiegespalten: Einerseits Vorfreude, andererseits das Wissen, dass die Arbeit ja mitkommt in die Ferien, und v. a. – seien wir mal ehrlich – die Lehrkräfte betrifft, die sprachliche Fächer unterrichten.

Das Ankommen, es ist ein Prozess, der noch in vollem Gange ist bei mir. Zwischen der Vergangenheit (Studium) und der möglichen beruflichen Zukunft (Lehrerin) stehen noch 17 Monate voller Erfahrungen in Schule und Seminar. Das auserwählte Exemplar Mann ist dabei die größte Stütze, die man sich vorstellen kann. Nicht nur hat er Verständnis für meine Schreibtischexzesse und meinen gelegentlichen Erzähldrang („Also heute in der Schule hat XY wieder dies und das gemacht!“), nein, ohne ihn würde ich mich vermutlich die kommenden 17 Monate nur von Käsebrot und Joghurt ernähren, weil ich in stressigen Zeiten schon drei Mal nicht zum Kochen komme und es ja eh nicht kann. Er gibt mir genau die richtige Mischung aus Rückhalt, Motivation und Ablenkung, die ich gerade brauche und ich komme nicht umhin zu erkennen, wie viel beängstigender der ganze Neuanfang ohne ihn wäre. Nächste Woche ist es ein Jahr her, dass wir beschlossen haben, unsere Wege gemeinsam zu gehen. Wir sind noch nicht angekommen, aber auf der richtigen Spur.